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        5 Jahr Online Gaming

5 Jahr Online Gaming

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Aquila

(Mittwoch, 14.Mär 2018, 16:05)
Die Wahrheit über sein Studium ist, dass er ein halbes Jahr studiert hat und nebenher exzessiv Onlinespiele gemacht hat. Da das Spielen nicht mit einem anspruchsvollen Studium zu vereinbaren ist, hat er zwar alle Klausuren mitgeschrieben, aber nur eine bestanden. Von da an erzählte er Geschichten. 5 Jahre lang nur Geschichten. Er hat keine einzige Vorlesung mehr besucht, hat Klausurergebnisse erfunden. Nach dem Wechsel an die Fachhochschule hatte er sich fest vorgenommen, die Chance zu nutzen. Aber am Tag vor der ersten Vorlesung ist er wieder im Online-Gaming versunken und ist gar nicht erst hin. Seitdem hat er ein €zweites Ich€ aufgebaut. Er hat sich in Gedanken ausgemalt, wie erfolgreich er ist und hat letztlich die Geschichten erzählt, von denen er glaubte, dass wir sie hören wollten. Dabei war er sehr raffiniert.
So kam eines Tages eine WhatApp Nachricht mit dem Inhalt €Drückt mir die Daumen, ich habe morgen ein Vorstellungsgepräch bei €.wegen dem Praxissemester das ansteht€. - Klar haben wir ihm die Daumen gedrückt. Am nächsten Tag €Vorstellungsgespräch ist gut gelaufen, ich habe den Job €.€ - Große Freude Gratulation. In den nächsten Wochen haben wir uns immer wieder über den €Job€ unterhalten. Er hat viel über die €Arbeit€ erzählt und wie toll alles ist. - Nur den Job, den gab es gar nicht. Rückblickend auf die letzten 5 ½ Jahre kommen uns so manche Geschichten in den Sinn. So manches Mal frage ich ihn: € Ja und die Treffen mit deinen Kommilitonen €€ - Antwort. €Welche Kommilitonen?€. Oder viele andere Dinge, die es nicht gab.

Wir haben absolut nichts geahnt. Die Geschichte war perfekt.

Wir sehen uns in der Situation, dass das Bild, das wir von unserem Sohn hatten, völlig in Scherben vor unseren Füßen liegt und wir in den Scherben suchen müssen, was Wahrheit und was Lüge war. Und wie an richtigen Scherben, schneiden wir uns oft genug. Können nicht glauben, was geschehen ist.

Versteht mich nicht falsch, es geht nicht um enttäuschte Erwartungen. Es geht einfach darum, über 5 Jahre massiv angelogen worden zu sein, mal ganz abgesehen von der materiellen Seite, die er offenbar schamlos ausgenutzt. Ich weiß derzeit noch nicht, wie ich mit diesem Vertrauensbruch innerlich umgehen soll.

Die unfassbare Wahrheit ist, dass unser Sohn 5 ½ Jahre lang nichts anderes gemacht hat, als Online-Spiele gespielt. Jeden einzelnen verdammten Tag.

Bei ihm war es allerdings so, dass er - wenn er in den €Semesterferien€ zu Besuch kam, absolut abstinent war und auch keine Entzugserscheinungen gezeigt hat. Ferner hat er immer auf sein „ußeres geachtet. Körperpflege und Zustand der Wohnung war okay, jedenfalls weit entfernt von Verwahrlosung.

Ich habe ihn gefragt, warum er jetzt damit herausgekommen ist, und seine Antwort war erschütternd einfach: €Weil ich die Geschichte nicht weiterspinnen konnte. Ihr hättet jetzt irgendwann mein Abschlusszeugnis sehen wollen. Und das gab es nicht.€
Auf die Frage, was er jetzt empfindet: €Nichts. Einfach nur Leere. Da ist Nichts in mir.€
Auch keine Reue€.

Wie ist der Stand aktuell:
Meine Frau und ich habe sofort entschieden, ihm Hilfe anzubieten, ihn wieder aufzunehmen und ihn zu unterstützen. Es war klar, dass er nie wieder in seine Wohnung am Studienort zurückkehren darf. Er hatte selbst gesagt, dass die Anordnung seines PC im Zimmer ihn geradezu €reinzieht€.

Von sich aus wollte er absolute Medienabstinenz. Das Smartphone liegt bei uns im Wohnzimmer - auch nachts. Er will es im Moment so. In seinem Zimmer in unserem Haus hat er keinen Internetzugang. Die PCs im Haus in passwortgeschützt.

Die Wohnung am Studienort hat er noch am nächsten Tag gekündigt. Der Hausstand ist aufgelöst, die Möbel werden in unser Haus gebracht. (Er hat übrigens keine Freunde, die ihm beim Umzug helfen können €.). Sein Gamer-PC wird bei den Großeltern ausgelagert (am besten vernichtet).

Er hatte erste Termine mit der Fachstelle Sucht und war bei einer Selbsthilfegruppe für Glücksspiel und Mediensüchtige. Es sind Bewerbungen für Lehrstellen raus. Er hatte schon zwei Vorstellungsgespräche. Vielleicht klappt es ja auf Herbst mit einer Lehrstelle, ansonsten ein FSJ.

Ich weiß noch nicht genau wo wir stehen. Für mich ist es fast zu einfach.

Kann man 5 Jahre lang Online-Gaming machen und dann einfach so aufhören?
Warum kam es überhaupt so weit? Er gibt selbst zu, dass er im Zweifel immer den leichteren Weg gewählt hat. Und das war halt die leichte Zerstreuung mit Online-Games. Ich hoffe die Fachstelle Sucht kann da noch etwas tun, um ihn zu stärken.
In mir wechseln die Gefühlen zwischen unglaublichem Zorn, Verzweiflung und Zuversicht.


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